Kurze Geschichte der Schlafforschung



Der Schlaf, das Verhältnis von Schlaf und Wachsein sowie das Träumen beschäftigen die Menschheit seit den Anfängen. Das Thema tauchte regelmäßig im sakralen Raum, in der Philosophie und in den Künsten auf, in der Medizin konnte es jedoch erst dank der Entwicklung der bildgebenden Verfahren im 20. Jahrhundert als eigenständiger Zweig erscheinen. Die Schlafmedizin, die sich gleichermaßen mit den während des Schlafs in unserem Körper ablaufenden Prozessen, mit den Störungen von Schlaf und Wachsein und mit deren Behandlung befasst, ist heute zu einem schwergewichtigen Wissenschaftsgebiet geworden.

Ihre gesellschaftliche Bedeutung zeigt sich gut daran, dass beispielsweise auch die Katastrophen der Raumfähre Challenger und des Kernkraftwerks Tschernobyl mit menschlichen Versäumnissen infolge von Schlafmangel in Verbindung gebracht werden können, ebenso wie die Tatsache, dass zwei Drittel unserer modernen Gesellschaft unter Schlafmangel leiden. Über die Entwicklungsgeschichte des Fachgebiets verrät die seit 1989 viel zitierte Feststellung von Allan Hobson, Professor der Harvard Medical School, eine Menge, wonach „wir in den vergangenen 60 Jahren mehr über den Schlaf erfahren haben als in den 6000 Jahren davor“. Sehen wir also, wie jene Entwicklung vonstattenging, in deren Folge wir den Schlaf heute als eine besondere Tätigkeit des Gehirns betrachten.

„Im Schlaf zieht sich die Seele in ihre eigene Wohnung zurück“

Nach dem obigen, von Hippokrates stammenden Zitat sah man im Altertum den Schlaf in erster Linie als Tätigkeit der Seele. In der antiken griechischen Heilkunde legte man zum Beispiel großen Wert auf die Träume des Patienten, denn man vertrat die Auffassung, dass die Seele im Schlaf den Körper beobachtet und ihm in Form von Träumen Botschaften sendet. Daneben erschien im Altertum – vor allem dank Aristoteles – bereits jene Ansicht, die den Schlaf als einen mit der Aufhebung der Wahrnehmung einhergehenden, instand haltenden und konservierenden Prozess beschrieb.

„Gesegnet seien die Schläfrigen, denn sie werden bald entschlummern“

Die Feststellung des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche symbolisiert vielleicht gut jene lange, aus Sicht der Schlafforschung jedoch verschlafene Periode vom Altertum bis ins 19. Jahrhundert. Der Schlaf mit seinem passiven Zustand, in dem auch unsere Sinnesorgane zum Rückzug blasen, erwies sich als weniger interessant, stattdessen rückten eher die Träume in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Einen Höhepunkt davon bildete mit großer Sicherheit Sigmund Freuds 1900 erschienenes Buch Die Traumdeutung, das zu beweisen versuchte, dass unsere Träume deutbar sind.

Auch Pawlow hatte einen schlechten Reflex

An jener allgemeinen medizinischen Auffassung, wonach das Gehirn im Schlaf in einen inerten, also auf seine Umgebung nicht reagierenden Zustand gerät, konnte erst das 20. Jahrhundert wesentlich etwas ändern. Während Iwan Petrowitsch Pawlow, der für seine Versuche mit Hunden berühmt gewordene russische Neurophysiologe, annahm, dass die Gehirnzellen im Schlaf abschalten, der Schlaf also das Ergebnis des Erlöschens der Gehirntätigkeit sei, begannen die mit dem Thema in Verbindung stehenden Forschungen auf die Schlüsselrolle des Gehirns hinzuweisen. Die vielleicht erste darunter war die Beschreibung der im Schlaf beobachtbaren schnellen Augenbewegung aus dem Jahr 1868 sowie die Erforschung der den Schlaf fördernden und regulierenden Moleküle, über deren Ergebnisse als Erste die französischen Wissenschaftler Rene Legendre und Henri Pieron 1907 publizierten. Gleichwohl hatten die Forscher bis zur Entwicklung der modernen bildgebenden Verfahren keine Chance, den Zusammenhang zwischen Gehirntätigkeit und Schlaf im Detail zu erschließen. Nach der Untersuchung der elektrischen Aktivität des Gehirns von Kaninchen und Hunden gelangte der deutsche Physiologe und Psychiater Hans Berger schließlich 1924 zur ersten menschlichen EEG-Untersuchung, was im Wesentlichen die Tür zur Erkenntnis der Gehirnaktivität im Schlaf weit aufstoßen sollte.

Von da an haben die folgenden 60 Jahre bestätigt und im Detail erschlossen, dass der Schlaf in Wirklichkeit eine Gehirntätigkeit ist, deren Wesen darin besteht, dass sich unsere Nervenzellen in der Hirnrinde zeitweilig von der Last des ständigen Zustroms neuer Informationen befreien, um die tagsüber erhaltenen und gespeicherten Informationen verarbeiten zu können.